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April, April

Nestlé-Chef: "Ja, wir führen die Ampel ein"




Nestlé-Chef:

02.04.2009

Zu schön um wahr zu sein? Leider ja. Der "überraschende Kurswechsel", den foodwatch am 1. April an dieser Stelle vermeldete, war leider nur ein Aprilscherz. Lebensmittel-Riese Nestlé will keineswegs die verbraucherfreundliche Ampel-Kennzeichnung für seine Produkte einführen. Der Konzern nahm den Scherz übrigens mit Humor. Und schlug mit einem eigenen zurück...

 

Aprilscherz hin und Spaß beiseite, der Hintergrund ist ernst: Vehement wehrt sich die Ernährungsindustrie gegen die Einführung einer verbraucherfreundlichen Lebensmittelkennzeichnung, der so genanntenten Nährwert-Ampel. Am 1. April jedoch versuchte es foodwatch mit Humor: Weltmarktführer Nestlé schreitet voran und führt die Ampel ein, so die exklusive Meldung. Man wird ja noch träumen dürfen... Lesen Sie hier das fingierte Interview mit Nestlé-Chef Paul Bulcke und die ebenso schnelle wie humorvolle Reaktion des Konzerns.

foodwatch.de: Herr Bulcke, es gibt Gerüchte, denen zufolge Nestlé die Nährwert-Ampel auf all seinen Produkten in Europa einführen möchte. Was ist dran?

Bulcke: Tatsächlich werden wir die Verpackungen unserer Produkte ab dem Sommer sukzessive umstellen. Auf der Vorderseite wollen wir mit den Farben Rot, Gelb und Grün eine leicht verständliche Information über die Nährwerte für unsere Kunden einführen.

foodwatch.de: Über Monate hat foodwatch gemeinsam mit anderen Organisationen die Einführung der Ampel gefordert – warum haben Sie dieses Modell so lange bekämpft?

Bulcke: Ich muss das schon einmal deutlich sagen: Die Angriffe von foodwatch auf Nestlé waren alles andere als in Ordnung! Wir wurden dargestellt als ein herzloser Bonzo-Konzern, der schamlos selbst kleinen Kinder überzuckerte Produkte unterjubeln möchte. Dabei ist es – und da kann ich für jeden einzelnen unserer Mitarbeiter sprechen – unser Anspruch, den Kunden gute Produkte zu fairen Preisen anzubieten. Wir müssen jeden Tag aufs Neue das Vertrauen unserer Kunden gewinnen. Das ist keine Milchmädchenrechnung, sondern wird sich für die Marken von Nestlé auszahlen.

foodwatch.de: Das erklärt noch nicht den Sinneswandel in Sachen Ampel…

Bulcke: Rot, Gelb, Grün – dieses Ampelsystem ist so einfach, dass es auch der Letzte versteht. Diese Diskussion war nicht mehr zu stoppen. Eine interne Studie von uns hat ergeben, dass die Menschen mit der bisherigen GDA-Kennzeichnung nur sehr schwer zwischen zwei Produkten vergleichen können. Wir wollen die Verbraucher nicht bevormunden, wir wollen, dass sie wirklich wählen können. Sie müssen in der Lage sein, sich zwischen zwei Produkten für das bessere zu entscheiden. Das geht mit der Ampel am besten.

foodwatch.de: Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner arbeitet daran, das bisher von der Industrie favorisierte GDA-Modell durchzusetzen. Haben Sie sich über Ihren Vorstoß mit der Bundesregierung rückgekoppelt?

Bulcke: Ich habe in der vergangenen Woche mit Bundeskanzlerin Angela Merkel telefoniert. Sie ist ein großer Anhänger von Ampelkennzeichnungen – aber wenn Sie derzeit „Ampel“ hört, denkt sie eher an eine Ampel für Finanzprodukte, also an eine Kennzeichnung von toxischen Wertpapieren.

foodwatch.de: Zurück zum Essen: Welche Rolle hat der Druck der Verbraucher bei Ihrer Entscheidung für die Nährwert-Ampel gespielt?

Bulcke: Am Ende war der Druck einfach zu groß, wir standen ja in der Öffentlichkeit da wie skrupellose Dickmacher. Das hat jeder Nestlé-Mitarbeiter auch im privaten Umfeld, bei Freunden und in der eigenen Familie, zu spüren bekommen. Auch ich bin da keine Ausnahme. Ich habe selbst Kinder. Ich weiß, wie wichtig eine ausgewogene Ernährung ist und wie schwer sich Eltern damit tun, für ihre Kleinen die richtigen Lebensmittel zusammenzustellen. Unsere Nestlé-Ernährungsstudie hat ergeben, dass es hier große Probleme gibt. Als verantwortungsbewusster Konzern haben wir uns schon seit Monaten überlegt, wie wir die Nährwertinformationen verbessern können.

foodwatch.de: Weshalb hat es dann so lange bis zu Ihrer Entscheidung gedauert?

Bulcke: Das lag an den Meinungsbildungsprozessen auf Verbandsebene. Man könnte sagen: Wir haben da regelrecht auf Zuckerkristalle gebissen, wenn Sie verstehen, was ich meine.

foodwatch.de: Ehrlich gesagt: Nein.

Bulcke: Sehen Sie, es ist doch kein Zufall, dass der BLL, unser Lobbyverband, sich vehement gegen die Ampel gewehrt hat. Ich bitte Sie, ein Verband, an dessen Spitze der Vorstandschef von Südzucker steht! Nestlé wird es nicht länger hinnehmen, dass die Interessen der Zuckerbarone über die einer ganzen Branche gestellt werden und wir von Nestlé uns diskreditiert lassen müssen, wenn wir gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen. Im Verband muss künftig eine Frische Brise wehen.

foodwatch.de: Was bedeutet das?

Bulcke: Ich will es so sagen: Der BLL braucht Nestlé mehr als Nestlé den BLL. Das Ansehen bei den Kunden ist uns als Weltmarktführer wichtiger als die Mitgliedschaft in einem Verband.

foodwatch.de: Können Sie noch etwas konkreter werden?

Bulcke: Es sind dazu schon genügend Worte gefallen. Wie wir bei Nestlé immer sagen: In der Kürze liegt das Maggi.

 

Die Reaktion von Nestlé

Kurz nachdem das Interview veröffentlicht wurde, schlug Nestlé zurück. "Ja, wir führen die Ampel ein" – diese Schlagzeile wollte man nicht auf sich sitzen lassen. Und so wurden Besucher der Konzern-Website den 1. April über schließlich mit dieser Meldung begrüßt: "Ja, ich bin seit Jahren farbenblind" – ein freilich ebenso fiktives "Bekenntnis" von foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode (siehe Screenshot).

 

Zoom (144KB)

 

Jenseits des 1. April bleibt leider alles beim Alten: Die Lebensmittelproduzenten weigern sich, verbraucherfreundlich über die Nährwerte ihrer Produkte zu informieren.


Fordern Sie deshalb jetzt die Bundesregierung auf, die Ampel-Kennzeichnung für alle Lebensmittelhersteller verpflichtend einzuführen!

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner will der Industrie helfen, eine verbraucherfeindliche Kennzeichnung in Europa durchzusetzen – gegen die überwältigende Mehrheit der Bürger und den klaren Auftrag der Länder. Lassen Sie sich das nicht gefallen, schreiben Sie jetzt an die Ministerin und fordern Sie die Einführung der leicht verständlichen Ampel-Kennzeichnung! jetzt mitmachen »