
Welternährungskrise |

28.02.2011
Ein Essay von Thilo Bode
Wenn wir uns vornehmen, weniger zu essen und weniger Lebensmittel wegzuschmeißen, oder auch die eine oder andere Spende für Hilfsorganisationen zu geben, ist dies löblich. Den Hunger aber werden wir damit nicht besiegen. Wir müssen die Politik ändern, denn eine Milliarde hungernder Menschen in einer Welt, die noch nie so reich war wie heute, ist schlichtweg eine Schande.
Mehr als zwei Drittel der Menschen, die nicht genug zum Essen und damit keine Perspektiven für ihr Leben haben, sind Kleinbauern. Dass sie nicht genug Nahrungsmittel für sich produzieren, ist vor allem Folge einer Politik ihrer eigenen Regierungen, die ihre ländliche Bevölkerung und die Landwirtschaft zu Gunsten der – politisch wichtigeren – Stadtbevölkerung vernachlässigen. Kein gesicherten Landbesitzverhältnisse, zu niedrige Erzeugerpreise, mangelnder Zugang zu Saatgut und Dünger, alle diese Faktoren tragen dazu bei, dass die Kleinbauern sich nicht aus der Hungerfalle befreien können.
Diese politischen Versäumnisse der Hungerländer müssen ebenso klar benannt werden, wie unsere Verantwortlichkeiten für das Leid in der Welt. Mit 55 Milliarden Euro und damit dem größten Etat, der der EU zur Verfügung steht, subventioniert die Staatengemeinschaft die europäischen Landwirtschaftsbetriebe und verbilligt damit unsere Exporte in die Entwicklungsländer – mit verheerenden Auswirkungen für deren Landwirtschaft: Ein EU-Hähnchen auf dem Markt von Dakar im Senegal ist billiger als das eines einheimischen Geflügelproduzenten, und auch mit subventioniertem Rindfleisch oder billigem Schweinefleisch aus Europas Fleischfabriken können die kleinen Produzenten aus afrikanischen Ländern nicht mithalten.
Es sind nicht unsere Millionen Tonnen von weggeworfenen Lebensmittelresten, es ist dieser durch unsere Steuern finanzierte Wahnsinn, der Hunger generiert. Aber damit nicht genug: Schließlich tragen auch die Börsenspekulationen mit landwirtschaftlichen Rohstoffen, wie Reis, Soja und Weizen, die lediglich der spekulativen Geldanlage dienen, dazu bei, dass der Hunger in der Welt in den letzten zwei Jahren sogar noch zugenommen hat.
Es ist unfassbar, dass in einer Zeit, in der wir in Deutschland und anderen Industriestaaten zum Sparen gezwungen werden, um die Suppe, die uns die Investment Banken eingebrockt haben, auszulöffeln, dass in dieser Zeit die landwirtschaftlichen Subventionen nicht zur Debatte stehen. Subventionen, die nicht nur den Bauern in den ärmeren Regionen der Welt schaden, sondern bei uns Wasser, Boden und Klima schädigen, und den Verbrauchern keine wirklichen Vorteile bringen.
Unser Beitrag im Kampf gegen den Welthunger muss vor allem aus einer entschlossenen Politik gegen die Agrarlobby der Großproduzenten bestehen.
Langfristig ist in der Tat auch gezielter Verzicht angesagt. Unser Fleischkonsum, für den weltweit 70 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche zur Produktion von Futtermitteln genutzt wird, muss zurückgehen. Wenn unser Ernährungsverhalten mit einem jährlichen Fleischverbrauch von derzeit 9o Kilo pro Kopf sich als Lebensstandard in anderen Teilen der Welt wie China oder Indien durchsetzt, dann wird noch weniger Ackerfläche da sein, um Grundnahrungsmittel anzubauen. Dass wir diese knappe Fläche in der EU jetzt auch noch nutzen, um ebenfalls mit Steuergeldern subventionierten Pflanzensprit für Benzinfresser zu produzieren, anstatt deren Verbrauch radikal zu drosseln, ist skrupellos.
Wenn wir nur wollten, könnten wir im Westen eine Menge tun, um ernsthaft das Elend einer Milliarde Hungernder zu beseitigen. Dass wir untätig bleiben, muss uns alle beschämen. Es spricht nicht für unsere Demokratie und nicht für die Unabhängigkeit der Politik von kommerziellen Interessen. Die im kommenden Jahr anstehende Reform der europäischen Agrarpolitik könnte eine Chance sein, die schreienden Ungerechtigkeiten unserer bisherigen Politik zu beseitigen. Wenn sich nicht einmal mehr, wie in der Vergangenheit, eine sehr gut organisierte Lobby gegen das Wohl der gesamten Menschheit durchsetzt.
Dieser Text ist in den foodwatch-Nachrichten 4/2010 erschienen. Die Informationsbroschüre mit aktuellen Themen erscheint vier Mal im Jahr und wird kostenfrei an Mitglieder verschickt. Seien auch Sie dabei und werden Sie Fördermitglied bei foodwatch!
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