QS-Prüfsystem lückenhaft: Dioxin im Futter
01.05.2003
Im Frühjahr 2003 wurden
erhöhte Dioxinbelastungen bei mehreren Futtermittelherstellern gemessen.
foodwatch recherchierte, in welchem Umfang das Dioxin über die Futtermittel
verbreitet wurde. Ergebnis: Auch QS-zertifizierte Mischfutterhersteller haben
dioxinbelastete Futtermittel erhalten.
Der Futtermittelbereich ist die Achillesferse der Land- und Nahrungsmittelwirtschaft: Problemstoffe wie Dioxin können über Futtermittel in kurzer Zeit in großen Mengen weiträumig verbreitet werden. Über die Kette Einzelfutterhersteller - Mischfutterhersteller - Landwirt - Verarbeiter - Handel landen die Giftstoffe in Milchprodukten, Fleisch oder Eiern und auf den Tellern der Verbraucher. 80 Prozent der menschlichen Dioxin-Aufnahme erfolgt über Lebensmittel tierischen Ursprungs. Da Dioxine fettlöslich sind und nicht abgebaut werden, reichern sie sich dauerhaft im Fettgewebe an. Das Spektrum der Gesundheitsgefährdungen durch Dioxine reicht von Gebärmutterschädigungen über Verhaltensstörungen und die Schwächung des Immunsystems bis zu Krebs.
Lücke im QS-Prüfsystem: Die Einzelfutterhersteller
Das QS-Siegel will Vertrauenswürdigkeit "vom Feld und Stall bis zur Ladentheke" schaffen. Laut QS-GmbH geschieht das "durch eine durchgängige Dokumentation und die Einhaltung von QS festgelegten Produkt- und Prozessvorgaben". Doch wie weit reicht diese Durchgängigkeit? Während QS-Ware bereits seit September 2002 in Supermärkten erhältlich ist, werden Einzelfuttermittelhersteller erst seit Sommer 2003 allmählich in das QS-System integriert. Dioxinbelastetes Futter konnte so über Einzelfutterhersteller unbemerkt in die Produktionskette und letztendlich in Fleisch mit dem QS-Siegel gelangen.
Die Dioxin-Fälle im Frühjahr 2003 im Überblick:
1. Brandenburg
2.000 Tonnen belastetes Grünmehl der Firma Niemegk kamen in Umlauf. Die Empfängerregionen:
- Bayern: 27 Tonnen Trockengrün an einen Mischfutterhersteller. Nach Erkenntnissen des Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz war der Betrieb zum Zeitpunkt der Lieferung nicht QS-zertifiziert.
- Berlin: Unter den Empfängern des Grünmehls in Berlin waren keine Mischfutterhersteller.
- Brandenburg: Unter den Empfängern des Grünmehls in Brandenburg waren zwei Mischfutterhersteller: Die Belziger Kraftfutter GmbH ist QS zertifiziert. Die Trocknungs- und Futtermittelvertriebs GmbH Gröden ist zurzeit im Zertifizierungsprozess für QS.
- Hessen: Das Grünmehl hat Hessen nie physisch erreicht. Es wurde nur über einen hessischen Makler nach Dänemark vermittelt.
- Niedersachsen: Unter den Empfängern des Grünmehls in Niedersachsen waren drei Mischfutterhersteller. Alle durch die Behörden gezogenen Proben bei den Herstellern hatten eine Belastung mit Dioxin unter dem zulässigen Grenzwert. Einer der betroffenen drei Mischfutterhersteller ist QS-zertifiziert.
- Sachsen: Ein Mischfutterhersteller ist betroffen und QS-zertifiziert. Belieferung durch Niemegk erfolgte allerdings schon im August 2002. Es wurden keine Dioxin- Werte über dem zulässigen Grenzwert gemessen.
- Sachsen-Anhalt: Ein Mischfutterhersteller ist betroffen. Dieser ist nicht QS-zertifiziert.
- Schleswig-Holstein: Unter den Empfängern des Grünmehls in Schleswig-Holstein war ein Mischfutterhersteller. Dieser Hersteller ist nicht QS-zertifiziert.
- Thüringen: Unter den Empfängern des Grünmehls in Thüringen waren zwei Mischfutterhersteller: Ein Betrieb ist QS-zertifiziert. Dieser Betrieb wurde auch schon mit Dioxin belastetem Futter aus dem Trocknungswerk in Apolda beliefert. Der andere Mischfutterhersteller ist zurzeit im QS Zertifizierungsprozess.
2. Sachsen-Anhalt
Eine Firma aus Rätzlingen brachte laut Landwirtschaftsministerium des Landes 122 Tonnen belastete Futtermittel in Umlauf. Die Empfängerregion:
- Hamburg: Es wurden zwei Tierfutterhändler in Hamburg beliefert. Beide Betriebe sind nicht QS-zertifiziert. Eine Firma ist zertifiziert nach GTHP (Gute Handelspraktiken). Nach Meinung der zuständigen Hamburger Behörde ist diese Zertifizierung von den geforderten Qualitätsnormen her höher anzusetzen als QS. Die zweite Firma befindet sich im Zertifizierungsprozess nach GTHP.
3. Thüringen
Von einer Firma in Apolda wurden insgesamt fünf Mischfutterhersteller in Deutschland beliefert. Ein weiterer Empfänger war ein Mischfutterhersteller in den Niederlanden. Bis zu 2.100 Tonnen Futtermittel sind betroffen.
- Niedersachsen: Unter den Empfängern des Trockenfutters aus Thüringen war ein Mischfutterhersteller. Dieser ist nicht QS-zertifiziert.
- Sachsen: Unter den Empfängern des Trockenfutters aus Thüringen war ein Mischfutterhersteller. Dieser ist nicht QS-zertifiziert.
- Thüringen: Unter den Empfängern des Trockenfutters aus Thüringen waren drei Mischfutterhersteller. Alle drei Betriebe sind QS-zertifiziert. Ein Betrieb wurde zusätzlich mit Dioxin belastetem Grünmehl von Niemegk/Brandenburg beliefert.
Quellen:
- Bayern: Staatsministerium für Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz
- Berlin: Senatsverwaltung für Gesundheit
- Brandenburg: Ministerium für Landwirtschaft, Umweltschutz und Raumordnung
- Hamburg: Behörde für Umwelt und Gesundheit
- Hessen: Ministerium für Umwelt, ländlichen Raum und Verbraucherschutz
- Niedersachsen: Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
- Schleswig-Holstein: Ministerium für Soziales, Gesundheit und Verbraucherschutz
- Thüringen: Ministerium für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt
- QS Qualität und Sicherheit GmbH, Bonn
- Mitteldeutscher Rundfunk
|