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Nitrofen-Skandal

Gift in Bioprodukten: Der Nitrofen-Skandal



Gift in Bioprodukten: Der Nitrofen-Skandal

10.10.2005

Über Futtergetreide gelangte der Giftstoff Nitrofen im Jahr 2002 aus einer mit Pflanzengiften belasteten Lagerhalle in Bio-Fleisch und Bio-Eier. Die Ereignisse um den Skandal sind ein Paradebeispiel für unzureichende Straf- und Haftungsregelungen: Die Verantwortlichen gingen straffrei aus.

 

Wer Futtermittel mit krebserregenden und fruchtschädigenden (Schwangerschaft) Stoffen in Umlauf bringt, bleibt in Deutschland ungestraft - dieses Fazit lässt sich aus dem Nitrofen-Skandal ziehen.

Giftfund in Putenfleisch

Im Januar 2002 fand Babynahrungs-Hersteller "Hipp" Nitrofen in einer Lieferung Bioputenfleisch der "Grüne Wiesen Biohöfe GmbH". Nitrofen ist ein Unkrautvernichtungsmittel (Herbizid). Seit den achtziger Jahren ist die Chemikalie in der Bundesrepublik verboten, seit der Wiedervereinigung auch im Osten Deutschlands. Nitrofen ist im Tierversuch krebserregend und schädigt Embryos schwer. Schon kleinste Dosen oder einmalige Aufnahme können Missbildungen im Mutterleib auslösen. Im Laufe weiterer Untersuchungen wurden auch anderswo bei Bio-Fleisch und Bio-Eiern hohe Nitrofen-Belastungen gemessen. Zeitweilig waren 450 Betriebe bundesweit gesperrt, Zehntausende Hennen und Puten wurden getötet. Vor allem Bio-Landwirte und -Hersteller waren betroffen.

Die öffentliche Empörung war groß: Bio-Landwirte wurden verdächtigt, verbotene Unkrautvernichter einzusetzen, Politiker verlangten harte Strafen für die Verantwortlichen, die Berichterstattung der Medien überschlug sich.

Die Giftquelle: Mecklenburgisches Getreidelager

Als Quelle der Kontamination wurde schließlich eine Lagerhalle in der mecklenburgischen Kleinstadt Malchin, Landkreis Demmin, ausgemacht. Bis 1995 wurden hier Restbestände nitrofenhaltiger Pflanzenschutzmittel aus DDR-Zeiten aufbewahrt - zum Teil in rostigen Fässern, aus denen die Flüssigkeit in den Hallenboden sickerte. Die Firmen "HaGe Nordland" und die "Norddeutsche Saat- und Pflanzengut AG Neubrandenburg (NSP)" lagerten später in der kontaminierten Halle Getreide ein. Das eingelagerte Bio-Getreide landete über Mischfutterhersteller bei Bio-Landwirten, die es an ihr Geflügel verfütterten. So gelangte das Gift aus dem Boden der Lagerhalle über das Getreide in Bio-Fleisch und Bio-Eier und auf unsere Teller.

Sowohl die staatlichen Lebensmittelkontrollen als auch die Selbstkontrolle der Bio-Hersteller hatten versagt. Nahrungsmittel wurden auf Nitrofen, das ja bereits seit langem verboten war, längst nicht mehr standardmäßig getestet.

Verantwortliche gehen straffrei aus

Die Verantwortlichen für den wohl größten Futtermittelskandal der vergangenen Jahre wurden bis heute nicht belangt. Die durch Strafanzeige (auch von foodwatch) ausgelösten Ermittlungen mussten eingestellt werden. Denn das Gesetz verlangt Unmögliches: ein ganz konkretes Opfer. Einen Krebskranken, der nachweislich durch den Verzehr belasteten Fleisches erkrankt ist, eine Schwangere, deren Kind durch Nitrofen Missbildungen erlitt.

Den Firmen, die trotz der durch die starke Geruchsbelästigung ganz offensichtlichen Belastung der Lagerhalle hier Getreide einlagerten, droht lediglich ein maximales Bußgeld von 25.000 Euro wegen einer Ordnungswidrigkeit. Selbst dieses ist bisher nicht verhängt worden. Die Empörung der Politiker und der Öffentlichkeit hat sich schnell gelegt. Eine Gesetzesänderung, die es erlauben würde, die Verantwortlichen solcher Machenschaften zu bestrafen, fehlt bis heute.

foodwatch fordert wirksame Sanktionen

foodwatch hat ausführlich zum Thema Nitrofen recherchiert, die Verantwortlichen des Nitrofenskandals ermittelt und die Strukturen aufgedeckt, die derartige Vorfälle ermöglichen. Die Ergebnisse sind auf den folgenden Seiten dokumentiert. Wichtigste Folgerung aus den Geschehnissen: Wer Futtermittel mit Giftstoffen versetzt, dem müssen empfindliche und in der Praxis anwendbare Strafen drohen. Nur dann kann es entscheidende Fortschritte bei der Sicherheit unserer Lebensmittel geben.

 

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