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Interview

Grimm: "Glutamat kann Hirnzellen töten."




Grimm:

15.11.2003

Der Blick von Hans-Ulrich Grimm hinter die Kulissen der bunten Nahrungsmittelwelt geht tief. Seine Bücher wie "Die Suppe lügt" lesen sich wie Ernährungs-Krimis. Mit dem ehemaligen Spiegel-Redakteur sprach foodwatch über sein Werk "Die Ernährungslüge".

 

foodwatch: Industriell gefertigte Lebensmittel enthalten häufig Geschmacksverstärker wie Glutamat. Was ist das Problem bei diesen Stoffen?

Grimm: Glutamat kann neurotoxisch wirken und Hirnzellen töten. Das ist bereits seit 1969 bekannt. Inzwischen weiß man, dass Glutamat bei Krankheiten wie Alzheimer, Multipler Sklerose oder Parkinson eine unheilvolle Rolle spielt. Die Industrie hat immer dagegen gehalten mit Studien, die das Gegenteil beweisen wollten. Ihr zentrales Argument: Der normale Mensch nähme nur relativ wenig Glutamat zu sich. Tatsächlich hat sich der weltweite Konsum in den letzten Jahrzehnten aber verfünffacht. Und das ist nur der Durchschnittswert. Wer sich häufig von Fertiggerichten ernährt oder gern zu würzigen Snacks greift, ist viel höheren Dosen ausgesetzt. Auch in Salami oder Leberwurst steckt oft Glutamat.

foodwatch: Natürlicher Weise kommt diese Substanz ebenfalls in Lebensmitteln vor, zum Beispiel in Bohnen, Tomaten oder Käse. Sogar unser Körper enthält beträchtliche Mengen davon. Wo liegt der Unterschied zu industriell zugesetztem Glutamat?

Grimm: Beim Menschen liegt es überwiegend gebunden im Organismus vor. Nur ein paar Gramm sind frei verfügbar. Als Botenstoff erfüllt ein Teil davon wichtige Funktionen, zum Beispiel im Hirn und im Darm. Wer extra zugesetztes Glutamat im Essen hat, kaut schneller, schluckt schneller. Insgesamt isst man hastiger und vor allem mehr. Die Appetitsteuerung gerät aus der Balance. Übergewicht kann also auch auf das Konto dieser Substanz gehen. Von den möglichen, langfristigen Folgen für unser Nervensystem ganz zu schweigen. Außerdem gibt es viele Menschen, die empfindlich auf Glutamat reagieren. Das geht bis zu Lähmungserscheinungen und extremen Kopfschmerzen.

foodwatch: Wieso ist Glutamat - trotz der warnenden Stimmen - nach wie vor ein erlaubter Zusatzstoff?

Grimm: Viele von den Studien, auf die sich dann wieder Unbedenklichkeits-Gutachten stützen, stammen von der Industrie. Das wichtigste deutsche Entlastungspapier, das so genannte Hohenheimer Konsensus-Papier, ist von der Glutamat-Industrie bestellt und bezahlt worden. Selbst hoch angesehene Wissenschaftler, etwa der derzeitige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, lassen sich für solche Gutachten vor den Karren der Hersteller spannen.

foodwatch: Lässt sich zweifelsfrei erkennen, ob ein Lebensmittel Glutamat enthält?

Grimm: Fatalerweise nicht. Teilweise wird zwar ausdrücklich deklariert oder zumindest die Zusatzstoffnummer, E620 bis E 625, angegeben. Gerne versteckt die Industrie Geschmacksverstärker aber auch hinter zusammenfassenden Bezeichnungen wie "Würze", "Aroma" oder "Hefeextrakt" - selbst im Biobereich. Trotzdem wird oft mit "frei von zugesetzten Geschmacksverstärkern" geworben. Und auf den Speisekarten in der Gastronomie steht schon gar nicht, ob mit oder ohne Glutamat gekocht wird. Wer auf Nummer sicher gehen will, muss also bei den Köchen nachfragen und beim Einkauf auf das Kleingedruckte achten.

Die Ernährungslüge

Wie uns die Lebensmittelindustrie um den Verstand bringt.
Hans-Ulrich Grimm
Droemer/Knaur, München 2003 (erste Auflage, gebunden)
304 Seiten
8,95 Euro (Taschenbuch)