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Geiz und Güte: Wie geil ist das denn?




Geiz und Güte: Wie geil ist das denn?

06.07.2010

Wer alles billig will, bekommt eben minderwertige Lebensmittel und statt echtem Käse Imitat auf die Pizza. So argumentieren einige Politiker und Lebensmittelhersteller. Doch der Schwarze Peter liegt zu Unrecht bei den Verbrauchern. Ihnen wird die Schuld an schlechter Qualität in die Schuhe geschoben.

 

Es war die vielleicht aufsehenerregendste Werbekampagne der vergangenen Jahre - „Geiz ist geil", trompetete eine Elektronik-Kette unüberhörbar. Ein Slogan, den so mancher zum Lebensgefühl einer ganzen Republik verklärte: Die Deutschen, ein Volk der Billigheimer. Ganz besonders, wenn es um Lebensmittel geht.

Weniger als 11 Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben

Ein Blick auf die Zahlen scheint das zu unterstreichen. Demnach geben deutsche Verbraucher weniger als elf Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus – ein niedriger Wert im europäischen Vergleich. Die Franzosen beispielsweise liegen bei gut 13, die Italiener bei mehr als 15 Prozent. Mit solchen Zahlen hantieren Industrielobbyisten, um selbst diejenigen, die es sich leisten könnten, zu stigmatisieren: als Schnäppchenjäger mit Discounter-Mentalität, die mit dem nagelneuen Mercedes vom Reihenendhaus auf den Aldi-Parkplatz steuern, um dort kurz nach Ladenöffnung die jüngsten Sonderangebote abzugreifen.

Statistiken nicht hinterfragt

Da klingt es einleuchtend: Wenn die Verbraucher vor allem Billig-Preise wollen, bekommen sie eben auch Billig-Zutaten. Aroma statt Früchte, Geschmacksverstärker statt frische Zutaten, Milcheis-Imitat aus Pflanzenfett statt originial-italienischem Gelati. Doch logisch erscheint dieser Schritt nur dem, der die Statistiken – der Länder-Vergleich ist angesichts des unterschiedlichen Wohlstandsniveaus ohnehin schwierig – nicht hinterfragt: Warum eigentlich geben die Deutschen so wenig für Lebensmittel aus? Wirklich nur, weil ihnen der Geiz in den Adern liegt?

Wer nur die Ausgaben für Lebensmittel europaweit vergleicht, verschweigt die Preisunterschiede. In Deutschland sind Lebensmittel ganz einfach günstiger als etwa in Frankreich. Das liegt vor allem am extrem harten Preiskampf im deutschen Handel: Gibt es für jeden Deutschen 1,3 Quadratmeter Einkaufsfläche in Supermärkten, hat der Franzose nur 0,85 Quadratmeter zur Verfügung. Statt im Geiz eine Art deutsche Leitkultur zu sehen, ist es viel simpler: Wir geben deshalb relativ wenig für Lebensmittel aus, weil das Preisniveau niedriger ist als anderswo.

Der Landliebe -Effekt

Nachweislich sind viele Verbraucher sogar bereit, mehr Geld auszugeben für Produkte, bei denen sie eine höhere Qualität auch nur vermuten. Statt ja!-Milch kaufen sie Landliebe mit dem schöneren Etikett, statt Naturjoghurt Actimel mit dem tolleren Gesundheitsversprechen. Das ist deutlich teurer. Dabei sind es nur Werbebotschaften, die eine höhere Qualität überzeugend (und irreführend) suggerieren.

Qualität nicht überprüfbar

Verlässliche Hinweise aber, die die Qualität für Verbrauchbar überprüfbar machen, gibt es in den seltensten Fällen. Wenn schon die Qualität nicht vergleichbar ist – der Preis ist es. Wem will man es da verdenken, wenn die Wahl zwischen zwei Produkten auf das billigere fällt? Wenn mit Geiz solche Kaufentscheidungen gemeint sind, dann ist das nicht unbedingt geil, aber doch: vernünftig.

 


Dieser Text ist in den foodwatch-Nachrichten 2/2010 erschienen. Die Informationsbroschüre mit aktuellen Themen erscheint vier Mal im Jahr und wird kostenfrei an Mitglieder verschickt. Seien auch Sie dabei und werden Sie Fördermitglied bei foodwatch!