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Interview tegut-Chef

tegut: "Kunden müssen das finden, was für sie gut ist"




tegut:

10.01.2007

Ist die "Aldisierung" des Lebensmittelmarktes unausweichlich? foodwatch sprach mit Wolfgang Gutberlet, Vorstandsvorsitzender der hessischen Handelskette "tegut".

 

foodwatch: Ein Discounter hat um die 600 Artikel im Programm, ein "tegut…"-Markt rund 18.000, davon allein 1.300 Bioprodukte. Welche Rolle spielen Vielfalt und Qualität in Ihrem Unternehmenskonzept?

Gutberlet: Dahinter steht die grundsätzliche Frage: Wie viele und welche Lebensmittel braucht der Mensch? Wäre es volkswirtschaftlich am besten, wenn unsere Bedürfnisse auf 50 Artikel reduziert, von einem Händler in ganz Europa vertrieben und von drei Produzenten hergestellt würden? Das ist für mich der falsche Weg. Unseres Erachtens kommt es umgekehrt darauf an, dass die Händler sich an die vielfältigen Bedürfnisse der Verbraucher anpassen. Das ist nicht nur eine Frage von Wahlfreiheit, sondern auch eine Frage, ob es gesund ist, wenn wir alles vereinfachen und standardisieren bis die ganze Lebendigkeit verloren geht. Ernähren ist ein Austausch mit der Natur und der sollte bewusst und individuell geschehen können.

foodwatch: In Ihren Filialen findet man sowohl frische Mangos aus Übersee als auch Rohschinken aus der Rhön. Nach welchen Kriterien nehmen Sie Produkte ins Sortiment?

Gutberlet: Als Händler müssen wir einerseits das führen, was Kunden wollen und andererseits müssen wir ihnen mit unserem Sortiment auch die Möglichkeit geben, sich zu entfalten und kreativ einzukaufen. Sie müssen das finden, was für sie gut ist. Wir betonen dabei die Suche nach der Qualität, aber auch nach der Regionalität - nach Lebensmitteln, die aus dem gleichen Raum wie unsere Kunden stammen. Wir geben den handwerklich und den gut gemachten Lebensmitteln eine Chance.

foodwatch: Mit einem Bio-Umsatzanteil von acht Prozent ist "tegut..." europaweit Spitzenreiter der Branche. Wie schaffen Sie das?

Gutberlet: Mit unseren Menschen schaffen wir das. Unsere Arbeitsgemeinschaft und die Mitarbeiter glauben an unser Konzept. Das erfordert Wissensvermittlung und es braucht Zeit. Seit über 20 Jahren arbeiten wir intensiv an den Qualitätsfragen, insbesondere bei Bio. Auf der Suche nach Qualität sind wir zu unseren eigenen Produktionsbetrieben gekommen. In der Herzberger Bäckerei produzieren wir fast nur Bio-Produkte und in unserer Metzgerei streben wir die Ausweitung der Produktion von biologischen Fleisch- und Wurstwaren an.

foodwatch: Verbraucherministerin Künast macht die Verbraucher für die stockende Agrarwende verantwortlich. Wie sehen Sie die Rolle des Handels in diesem Zusammenhang?

Gutberlet: Der Handel versucht zur Zeit, dem Verbraucher aus eigenem Interesse Vereinfachung zu verkaufen. Das heißt europaweite Standardisierung, Verzicht auf Vielfalt und Individualität. Das wird sich der Verbraucher nur eine Zeit lang gefallen lassen und dann aus dieser Manipulation ausbrechen. Ich glaube, der Handel hat die Aufgabe, diese Wende rechtzeitig einzuleiten. In anderen Branchen geschieht das bereits, im Lebensmittelhandel derzeit noch nicht. Vielleicht müssen wir erst begreifen, dass die Gesundheit der Menschen und Lebensmittelqualität in engem Zusammenhang stehen.