Mediziner: "Esskultur ändert sich rasant"
15.08.2003
Über Probleme im Bereich der Kinderernährung und aktuelle Entwicklungen im Markt für Kinderlebensmittel sprach foodwatch mit Universitätsprofessor Dr. Berthold Koletzko, dem Vorsitzenden der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin.
foodwatch: Mit
der Ernährung vieler Kinder scheint etwas nicht zu stimmen: Häufigkeit und
Schweregrad von Übergewicht sowie die krankhafte Form (Adipositas) nehmen
ständig zu. Wo sehen Sie die Hauptprobleme?
Prof. Koletzko:
Oft werden einzelne Lebensmittel als Ursache hervorgehoben. Dafür gibt es
jedoch keine Belege. Vielmehr gibt es eine Reihe von Entwicklungen, die insgesamt
betrachtet werden müssen. So nimmt zum Beispiel der Konsum klassischer, selbst
zubereiteter Mahlzeiten ab, während der Gelegenheitskonsum und der Verzehr von
Fertigprodukten steigen. Snacks mit hoher Kaloriendichte werden häufiger verzehrt.
Bei Fertigprodukten besteht ein beunruhigender Trend zu steigenden
Portionsgrößen. Dem steht eine zunehmend sitzende Lebensweise vieler Kinder mit
geringer körperlicher Aktivität gegenüber.
foodwatch:
Einerseits ist Fett ein wichtiger Bestandteil unserer Nahrung, andererseits
haben Ihre Studien ergeben, dass Grundschulkinder inzwischen um die 40 Prozent
der Nahrungskalorien über Fett aufnehmen. Warum ist das ein Problem?
Prof. Koletzko:
Bei gleicher Portionsgröße sind in stärker fetthaltigen Speisen ungleich mehr
Kalorien enthalten. Doch pro Kalorie ist die Sättigung bei Fett geringer. Da sammeln
die Kinder schnell zu viele Pfunde.
foodwatch: Wo
kommt das Fett her?
Prof. Koletzko: Wenn
ein kompakter Snack mit hohem Fettanteil das Pausenbrot ersetzt, können leicht so
viele Kalorien zusammenkommen, wie bei einem halben Mittagessen. So kann ein einziger
Schokoriegel mit Nüssen mehr als 320 kcal enthalten. Das Mittagessen kommt dann
trotzdem obendrauf.
foodwatch: Viel
Bewegung, Gemüse, Obst und kohlenhydratreichere Speisen wie Getreideprodukte - das
Vermeidungsprogramm erscheint einfach, ist es aber realistisch?
Prof. Koletzko: Bei
für Kinder attraktivem Angebot und ohne erhobenen Zeigefinger kann es sehr gut
funktionieren. Das zeigt das von der Stiftung Kindergesundheit geförderte
spielerische Programm "PowerKids" für übergewichtige Kinder im Alter von etwa 8
bis 12 Jahren. Über 12 Wochen lernen die Kinder mit modernen
Medien den Fettgehalt der Lebensmittel mit Fettzie-Punkten kennen und essen
weniger Fett. Mit Sportie- und Schlaffie-Punkten wird zudem regelmäßige
Bewegung gefördert. Das Verhalten ändert sich nachhaltig, und ganz allmählich
geht das Übergewicht zurück, der Effekt hält sogar ein Jahr nach Ende des
Programms noch an.
foodwatch: Hat
sich die Esskultur unserer Kinder verändert?
Prof. Koletzko: Die
Ernährungsgewohnheiten bei Kindern unterliegen rasanten Veränderungen.
Gemeinsame Mahlzeiten am Familientisch werden seltener, besonders in den
Städten. Der Gelegenheitskonsum und der Verzehr von Fertigprodukten steigt, wie
zum Beispiel durch in der Schule und der Freizeit nebenbei verzehrte kaloriendichte
Snacks. In den USA hat sich in nur einem Jahrzehnt der Anteil der Haushaltsausgaben
für fertige Produkte verdoppelt, bei uns zeichnen sich ähnliche Entwicklungen
ab. Nicht nur die regelmäßigen zeitlichen Intervalle des Essens und der soziale
Kontext mit Verknüpfung der Mahlzeit mit gemeinsamem Erleben und Gespräch
drohen in den Hintergrund zu geraten. Auch Wissen und Erfahrung unserer Kinder
zu regionalen Traditionen und Vielfalt der Speisen scheint deutlich
zurückzugehen.
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