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Interview zu BSE

BSE-Forscher: „Was bedeutet ausgerottet?“




BSE-Forscher: „Was bedeutet ausgerottet?“

01.12.2010

Sein Spezialgebiet ist BSE: Prof. Dr. Martin Groschup leitet auf der Ostseeinsel Riems das Institut für neue und neuartige Tierseuchenerreger der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten bei Tieren. In einem einmaligen Versuch wurden 56 Rinder im Jahr 2001 mit dem Erreger infiziert. Für jeden Bauern wäre das ein Albtraum, doch für das Forscherteam ist es die einzige Möglichkeit, mehr über die Prionenkrankheit zu erfahren. foodwatch sprach mit Martin Groschup über die Ursachen von BSE und fragte, ob es jederzeit wieder zu einer Epidemie kommen kann.

 

foodwatch: Herr Groschup, kann ich heute bedenkenlos in ein Stück Rindfleisch beißen?

Martin Groschup: Klares Ja!

 

foodwatch: Was trieb die Tiere in den Wahnsinn?

Martin Groschup: Die Ursache war die Verfütterung von nicht ausreichend erhitztem Tiermehl an Rinder in Großbritannien. Rinder aßen infizierte Rinder. So wurden die BSE-Prionen massenhaft verbreitet.

 

foodwatch: Nicht jeder weiß, was Prionen sind.

Martin Groschup: Das sind Eiweiße, die sich fehlerhaft falten. Sie sind infektiös und führen zur Fehlfaltung neuer Eiweiße. Prionen kommen vor allem in Nervensystemen und im Gehirn vor. Sie sind eine neue Art von Infektionserregern, die nach derzeitigem Kenntnisstand ohne Nukleinsäuren als Erbsubstanz auskommen und die deshalb so besonders sind, weil sie hochgradig resistent gegenüber jeglicher Infektionsbehandlung sind.

 

foodwatch: Was versuchen Sie in Ihren Experimenten auf der Ostseeinsel Riems herauszubekommen?

Martin Groschup: Für uns ist es wichtig, zu verstehen, wie sich der Erreger vervielfältigt. Wann und wo er sich vermehrt. Wie infizieren sich die Rinder? Und welche Risiken bestehen für den Verbraucher? 

 

foodwatch: Zu welchen Ergebnissen sind sie bisher gekommen?

Martin Groschup: Dass die BSE-Erreger zunächst im Magen-Darm-Trakt, dann in den Lymphknoten und erst sehr spät im zentralen Nervensystem vorhanden sind, konnten wir bestätigen. Jedoch kommen sie zu einem viel früheren Zeitpunkt als ursprünglich angenommen im Dünndarm selbst vor. Das ist eine neue Erkenntnis, die wichtig dafür ist, wie man mit den spezifischen Risikomaterialien umgeht. Was wir außerdem herausgefunden haben, ist, wie die Prionen vom Magen-Darm-Trakt in das zentrale Nervensystem gelangen und welches Gewebe in der Zwischenzeit Erreger enthält.

 

foodwatch: Wie sicher ist es, dass die sogenannte neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD), an der etwa 200 Menschen starben, durch den Verzehr von infektiösem Rindfleisch ausgelöst wurde?

Martin Groschup: Alle heute existierenden biologischen und biochemischen Daten sprechen dafür, dass die neue Variante von CJD und die BSE-Erreger 100 Prozent gleich sind. Zusätzlich sind diese vCJD-Fälle im zeitlichen Zusammenhang und am selben Ort, nämlich zuerst in Großbritannien, aufgetreten.

 

foodwatch: Wissenschaftler und Mediziner befürchteten um die Jahrtausendwende massive Infektionsraten bei Menschen – waren diese Sorgen berechtigt?  

Martin Groschup: Es handelte sich um einen neuartigen Erreger, keiner wusste genau, wie infektiös er tatsächlich ist. Wenn man die BSE-Geschichte neu aufrollt, muss man aber bis 1996 zurückgehen, als das erste Mal die neue Variante von CJD bei einem Menschen in Großbritannien diagnostiziert wurde. In den Folgejahren gab es jährlich ungefähr ein Dutzend Fälle im Vereinigten Königreich und BSE wurde zunächst als ein „lokales“, britisches Phänomen wahrgenommen, so dass andere Länder sich erstmal nicht betroffen fühlten. Deutschland und die EU schotteten sich durch ein Importverbot für britisches Rindfleisch ab, so dass wir uns sicher gefühlt haben.

Dann im Jahr 2000, als europaweit Schnelltests eingeführt wurden, tauchten plötzlich in Deutschland, Spanien, Italien und vielen anderen EU-Mitgliedsstaaten BSE-Fälle auf. Das heißt, die Schutzmaßnahmen, die man vorher ergriffen hatte, schienen wirkungslos. Die Unsicherheit machte sich breit, wie viel BSE-Erkrankungen haben wir wirklich – hunderttausende? Vorher wurde ja nicht getestet. Diese Verunsicherung führte zur Annahme des Schlimmsten – einer riesigen Epidemie in ganz Europa. Zusätzlich stieg die Zahl der menschlichen vCJD-Fälle in Großbritannien innerhalb eines Jahres rapide an, von 15 auf 28 im Jahr 2001. Da dachte jeder, jetzt geht’s los.  

 

foodwatch: Warum war gerade England so stark betroffen?

Martin Groschup: Weil in Großbritannien die Temperaturen bei der Hitzebehandlung von Tierkörpergut verringert wurde und seit den 1970er Jahren Tiermehl an Rinder verfüttert wurde. Das war auch ein Grund, warum Deutschland glaubte, dass BSE bei uns nie ein Thema wird, weil Tiermehl nicht oder zumindest nicht in dem Maße verfüttert wurde.

 

foodwatch: Welche Rolle spielen Massentierhaltung und Futtermittel für diese Art Epidemie?

Martin Groschup: Meines Erachtens spielt die Massentierhaltung hier nur eine untergeordnete, wenn überhaupt eine indirekte Rolle. Indirekt, weil sich in der industrialisierten Tierhaltung Erreger sehr viel schneller verbreiten können. Aber BSE ist keine Erkrankung, die von einem Rind auf das andere springt. Es ist eine Einzeltiererkrankung. Allerdings werden in der Massentierhaltung alle Tiere mit demselben Futter gefüttert und damit ist die Verbreitungsgefahr in großen Tierbeständen lokal höher.

 

foodwatch: Werden Rinder in Deutschland heute noch auf BSE getestet?  

Martin Groschup: In der EU sind die Tests nach wie vor Pflicht. Seit 2009 müssen Rinder in den „alten“ EU-Staaten ab einem Alter von 48 Monaten getestet werden, davor waren es noch 30 Monate.

 

foodwatch: In welchem Alter werden Rinder geschlachtet?

Martin Groschup: Das Gros der Tiere wird viel früher geschlachtet.

 

foodwatch: Es kann also sein, dass Fälle unentdeckt bleiben?

Martin Groschup: Es wurde abgewogen, wie häufig gibt es BSE noch? Tatsächlich kommt die Krankheit nur noch in ganz wenigen Ländern vor. Das größte Problem existiert nach wie vor in Spanien und Portugal. In Portugal gab es im vergangenen Jahr 18 kranke Tiere, mehr als in England, wo zwölf Fälle bestätigt wurden. In Deutschland waren es 2009 zwei Fälle, in diesem Jahr noch nicht einer. BSE ist zu einer seltenen Erkrankung geworden.

 

foodwatch: Ist BSE also ausgerottet?

Martin Groschup: Was bedeutet ausgerottet? Die ergriffenen Maßnahmen zeigen, dass die Infektionskette unterbrochen werden kann. BSE in seiner klassischen Variante wird voraussichtlich in den nächsten Jahren getilgt werden. Die kranken Tiere, die wir jetzt sehen, sind im Prinzip Altfälle, die vor 2001 geboren und noch mit infektiösem Material gefüttert wurden, bevor das Tiermehlverbot kam. Aber neben der klassischen BSE gibt es sogenannte atypische BSE-Fälle. Das sind spontane BSE-Erkrankungen bei sehr alten Rindern. Diese sehr seltenen, atypischen Fälle haben dasselbe Potential wie das klassische BSE. Wenn sie wieder in die Verfütterung überführt werden würden, dann könnte es durchaus sein, dass BSE neu startet.

 

foodwatch: In den vergangenen Jahren hat die EU das Verbot der Verfütterung von tierischen Proteinen sukzessive gelockert. Soll man jemals wieder Wiederkäuer mit Tierproteinen füttern dürfen?

Martin Groschup: Wiederkäuer sollte keinesfalls Tiermehl, das aus Wiederkäuern hergestellt wurde, gefüttert werden. Wenn man ausschließen kann, dass Rinder kein Rindermaterial bekommen, dann kann man an eine Verfütterung von Tiermehl an Schweine oder Geflügel denken. Meines Erachtens ist es allerdings sehr schwierig, diese Trennung sicherzustellen.

 


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