
BSE und Tiermehl |

19.11.2010
Am 24. November 2000 wurde erstmals bei einer in Deutschland geborenen Kuh BSE diagnostiziert. Bis dahin hatten Regierungen aller Couleur behauptet, in Deutschland gebe es kein originäres BSE-Geschehen, die deutschen Verbraucher seien sicher. BSE, umgangssprachlich „Rinderwahnsinn“, tauchte 1985 erstmals in und 1989 auch außerhalb Großbritanniens auf. Als Auslöser der übertragbaren Rinderkrankheit gilt die Verfütterung von Tiermehl, das mit infektiösen Eiweißen (Prionen) kontaminiert war.
Der dringende Forschungsbedarf über den rätselhaften BSE-Erreger war von der deutschen Politik bis zum November 2000 ignoriert, sinnvolle Präventionsmaßnahmen wie die Erprobung sicherer Schlachttechniken im Umgang mit mutmaßlich BSE-riskanten Materialien waren nicht in Angriff genommen und die Verfütterung von Tiermehl aus Deutschland als absolut sicher propagiert worden. Jahrelang hatte es legalen wie illegalen Import britischen und anderen Tiermehls nach Deutschland gegeben, 55.000 Tonnen noch im Jahr 2000. Die EU hatte zwar 1994 die Verfütterung an Wiederkäuer, nicht jedoch die Herstellung und den Handel von tiermehlhaltigem Futter verboten.
Die Fallzahlen der BSE-Epidemie im Vereinigten Königreich hatten sich vom Höhepunkt im Jahr 1992 (37.280) kontinuierlich auf 2.301 im Jahr 1999 verringert. Bereits 1992 (1), 1994 (3) und 1997 (2) waren in Deutschland BSE-Fälle bei importierten Rindern festgestellt worden. Und allein 1999 kannte man BSE-Fälle in Portugal (159) und Irland (91), sowie bei Deutschlands Nachbarn Frankreich (31), Belgien (3), Niederlande (2) und der Schweiz (50).
Bis heute wurden in Deutschland 413 BSE-Fälle von in Deutschland geborenen Rindern bestätigt, dazu kommen noch insgesamt 6 Fälle von importierten Rindern, die zwischen 1993 und 1997 gemeldet wurden. Im Jahr 2010 (Stand November) wurde in Deutschland noch kein BSE-Fall verzeichnet, EU-weit wurde aus Irland der einzige Fall im laufenden Jahr gemeldet.
Einerseits verschwand mit Hilfe der unmittelbar nach dem November 2000 eingeleiteten, erfolgreichen EU-weiten BSE-Bekämpfungsmaßnahmen der bislang größte, weil öffentlich sichtbarste Betriebsunfall der europäischen Agrarpolitik allmählich aus den Gedächtnissen der Bürger Europas. Andererseits wurden, zunächst fast ohne öffentliche Wahrnehmung, im Rahmen dieser BSE-Bekämpfungsmaßnahmen die rechtlichen Voraussetzungen für einen weitgehend unkontrollierten Handel mit Schlachtabfällen geschaffen. Das Paradoxe besteht darin, dass ausgerechnet die erfolgreiche BSE-Bekämpfungspolitik dazu geführt hat, dass der Schutz der Verbraucher abgesenkt und Gammelfleischfälle erst ermöglicht wurden.
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Das BSE-Paradox: Wie der größte Betriebsunfall der europäischen Agrarpolitik zu einem unkontrollierten Markt für Schlachtabfälle und Tiermehl führte und Gammelfleischskandale erst ermöglichte.
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