Oliver Willing: "Zentral, einfältig und unfruchtbar"
29.05.2008
Der Saatgutfonds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft unterstützt die ökologische Saatgutforschung in ihrer Arbeit, alte Pflanzensorten weiter zu entwickeln und neue Sorten zur Verfügung zu stellen. foodwatch fragt nach bei Oliver Willing, Geschäftsführer der Zukunftsstiftung Landwirtschaft.
foodwatch: Saatgut als Grundlage unserer Ernährung scheint bedroht zu sein. Inwiefern?
Willing: Saatgut ist Kulturgut. Doch in den letzten 100 Jahren wird dieses Menschheitserbe zunehmend durch Privatisierung und Kommerzialisierung bestimmt. Saatgut wird der Rohstoff der Biotechnologie und der Börse. Damit verbunden ist ein enormer Verlust an Vielfalt. Die Welternährungsorganisation FAO stellt fest, dass wir seit 1900 mehr als 75 Prozent der Kulturpflanzen verloren haben. Verstärkt wird dies durch die zunehmende Beherrschung des Saatgutmarktes durch wenige, global agierende Agrochemiekonzerne. Zehn dieser Konzerne teilen heute schon mehr als 50 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes unter sich auf. Dies schafft Abhängigkeiten. Denn wer das Saatgut beherrscht, bestimmt, was wir und unsere Kinder auf den Teller bekommen. Und mit welchen Methoden es hergestellt wird.
foodwatch: Sie beschäftigen sich mit ökologischem Saatgut. Was ist da anders als bei der Züchtung konventioneller Sorten?
Willing: Es gibt viele wesentliche Unterschiede. Erstens: Konventionelle Sorten sind auf eine energieintensive Landwirtschaft ausgerichtet. Sie benötigen chemisch-synthetische Beiz- und Spritzmittel und intensiven Kunstdüngereinsatz. Der Ökolandbau hingegen ist ressourcenschonend und braucht daher Sorten, die ohne zugekaufte Hilfsmittel auskommen. Die Sorten müssen das vorhandene Potential des Standortes optimal nutzen. Dies ist zukunftsweisend. Spätere Generationen werden vor dem Hintergrund von Energieknappheit und steigenden CO2-Emissionen kein Verständnis mehr haben für eine Landwirtschaft, die auf einem enormen Input von externen Hilfsstoffen und Energie aufbaut. Zweitens: Die konventionelle Züchtung folgt einer zunehmend einseitigen Denkart, die Lebensprozesse lediglich als kompliziertes Baukastensystem auffasst. Die Gentechnik ist ein Ergebnis dieses Denkens. Die ökologische Züchtung arbeitet demgegenüber ganzheitlich. Daher wendet sie zum Beispiel keine Labormethoden an, sondern berücksichtigt immer den vollständigen Vermehrungszyklus der Pflanze. Drittens: Die Sorten der Ökozüchter können von den Landwirtinnen und Landwirten nachgebaut werden, sie sind fruchtbar und vermehrbar.
foodwatch: Was sind Ihrer Meinung nach die Schwächen neuer kommerzieller Saatgutzüchtungen? Lässt sich das verschwinden regionaler Saatgutsorten und die Dominanz des Marktes durch wenige Großkonzerne noch aufhalten?
Willing: Saatgut sollte regional, vielfältig und fruchtbar sein. Doch die Sorten der Konzerne sind eher zentral, einfältig und unfruchtbar. Zentral, weil Standortunterschiede für moderne Sorten keine Rolle spielen sollen. Einfältig, weil nur für eine intensive Landwirtschaft mit hohem Input geeignet. Unfruchtbar oder nicht zum Nachbau geeignet, weil man so die Kundschaft zum Nachkaufen zwingt. Für das Saatgut als Kulturgut ist es sicherlich fünf vor Zwölf, doch lässt sich noch etwas bewegen. Es erfordert eine Abkehr vom bisherigen Agrarsystem und dem dahinter stehenden Denken. Und eine mehr ökologisch orientierte Züchtung.
foodwatch: Welche Rolle kann die ökologische Saatgutforschung bei der Überwindung des Hungerproblems weltweit spielen?
Willing: Die ökologische Saatgutforschung zeigt: Es gibt keine zentralen Lösungen! Man muss an das Wissen der Bäuerinnen und Bauern vor Ort anknüpfen und die jeweiligen regionalen Sorten weiterentwickeln. Eine wesentliche Voraussetzung für Lebensmittelsouveränität ist Saatgutsouveränität. Da die Sorten der Agrarkonzerne jedoch für den Nachbau ungeeignet und jedes Jahr nachgekauft werden müssen, können sie lokal nicht weiterentwickelt werden. Ökosorten hingegen sind an die regionalen Gegebenheiten angepasst und erreichen ohne den Zukauf teurer Dünger und Spritzmittel optimale Erträge. Das hilft den Menschen eher als Hightech-Sorten.
foodwatch: Welche Erfolge können die vom Saatgutfonds geförderten Projekte vorweisen?
Willing: Der größte Erfolg ist, dass man auch mit einem ganzheitlichen Ansatz und unter ökologischen Bedingungen beste Sorten für den Anbau zur Verfügung stellen kann. Ein weiterer wesentlicher Erfolg der biologisch-dynamischen Gemüsezüchtung ist, dass Geschmack als Zuchtziel nach Jahrzehnten wieder hoffähig wird. Auch die vielfältigen Auszeichnungen wie der Förderpreis Ökolandbau, diverse Unternehmens- und Umweltpreise und Prämierungen von Stiftungen zeigen, dass die Projekte erfolgreiche Arbeit leisten.
foodwatch: Was ist Ihr größter Wunsch für die Arbeit des Saatgutfonds in den nächsten zehn Jahren?
Willing: Dass die Saatgutfrage für immer mehr Menschen eine Herzensangelegenheit wird. Eine von großen Konzernen unabhängige und ökologische Saatgutentwicklung benötigt eine starke ideelle und finanzielle Unterstützung durch Verbraucher, Unternehmen, Landwirte und Politiker (Sortenentwicklung dauert zehn Jahre und kostet mehr als 600.000 Euro). Denn Geld wird uns auch in Zukunft nicht satt machen, ein gutes Brot schon.
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