Psychologin: "Zahlenwerte schwer zu interpretieren"
01.04.2008
Dr. Jutta Mata ist Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Anlässlich der Diskussion über die Kennzeichnung von Lebensmitteln sprach foodwatch mit der Diplom-Psychologin über die Wirkung von Zahlen im Vergleich zu Farben, das Einkaufen als einen psychologischen Akt und unbewusste Entscheidungen.
foodwatch: Was läuft beim Kauf von Lebensmitteln unbewusst ab, und wobei
trifft der Verbraucher tatsächlich eine bewusste Entscheidung?
Mata: Die Größe der Verpackungen ist ein Aspekt,
der die Konsumenten im Supermarkt beeinflusst. Wissenschaftler haben gezeigt,
dass Verpackungen in den USA fast immer größer sind als die von vergleichbaren
Lebensmitteln in Frankreich. Sie vermuten, dass die Größe der Packungen auch
erklären könnte, warum Franzosen im Durchschnitt schlanker sind als Amerikaner.
Ein anderer unbewusster Einfluss auf unser Essverhalten ist die wahrgenommene
Vielfalt an Produkten. Teilnehmer einer Studie aßen zum Beispiel deutlich mehr
M&Ms aus einer Schale mit vielen verschiedenfarbigen M&Ms als Personen,
denen nur eine Farbe M&Ms angeboten wurde.
foodwatch: Inwiefern können Kinder anhand der Lebensmittel im Supermarkt
einschätzen, ob diese für eine ausgewogene Ernährung geeignet sind?
Mata: Das kommt auf das Alter der Kinder und auf
die Art der Produkte an. Die meisten Menschen bevorzugen einen süßen und
salzigen Geschmack und fettes Essen. Kleine Kinder mögen daher auch eher
solches Essen. Studien haben allerdings gezeigt, dass schon 10-Jährige recht
gut Bescheid wissen, welche Lebensmittel gesund sind. Das gilt aber natürlich
vor allem, wenn diese Produkte keine "Mogelpackung" sind, also Produkte, die
eigentlich gesund sind wie Müsli, nicht mit großen Mengen Zucker und Fett
versetzt sind.
foodwatch: Die Vorschläge der Lebensmittelindustrie zur Nährwertkennzeichnung
zeigen Zahlenwerte und Vergleichs-Prozentangaben. Welche Vorteile hat diese
Kennzeichnung?
Mata: Aus psychologischer Sicht haben Zahlen und
Prozentwerte den Vorteil, dass sie Konsumenten das Gefühl vermitteln können,
viele Informationen über ein Produkt zur Verfügung zu haben. Allerdings sind
die Zahlenwerte oft schwer zu interpretieren, und die Prozentvergleichsangaben
helfen dabei nur bedingt: Sind elf Prozent des täglichen Bedarfs an Fett viel
oder wenig pro Portion? Wir haben in unseren Studien gezeigt, dass Informationen,
die Konsumenten nicht bewerten können, nicht in die Entscheidung einbezogen werden.
Wenn ein Kunde aber durch eine rote Ampel oder eine Vergleichsangabe pro 100
Gramm merkt, dass das "leichte" Müsli genauso viel Fett pro 100 Gramm enthält
wie eine Packung Chips, dann wird diese Angabe schon eher in die Entscheidung
einfließen und er wird sich ein wirklich gesünderes Müsli aussuchen.
foodwatch: Kritiker der Ampel-Kennzeichnung befürchten, dass Verbraucher
einen roten Punkt als Verbot verstehen, diese Produkte meiden und eine
Mangelernährung die Folge sein kann. Sind diese Zweifel berechtigt?
Mata: Es stimmt: Einige Studien zeigen, dass Verbraucher
die Ampel als zu pädagogisch oder bevormundend empfinden. Auf der anderen Seite
hat eine große Anzahl von Untersuchungen gezeigt, dass die Farbkennzeichnung
die Information über Nährwerte verständlicher macht und Konsumenten weniger
Fehler bei der Einschätzung der Gesundheit der Produkte machen. Ich halte zwei
Dinge für wichtig: Erstens Aufklärung der Konsumenten über die Bedeutung der
Ampel. Also auch darüber, dass Rot heißt, dass man diese Produkte nur
gelegentlich essen sollte, sie aber dennoch Teil einer ausgewogenen Ernährung
sein können. Und zweitens weitere Forschung. Meines Wissens gibt es bisher fast
keine wissenschaftlichen Studien darüber, wie sich die Nährwertkennzeichnungen
auf die Entscheidung im Supermarkt, das tatsächliche Essverhalten oder die
Gesundheit der Verbraucher auswirkt.
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