
Ampelkennzeichnung | versenden drucken |

08.09.2009
60 Prozent der Erwachsenen und bereits 20 Prozent der Schulkinder in der EU gelten als übergewichtig oder fettleibig. Millionen Menschen leiden zudem an Bluthochdruck (Hypertonie). Probleme, die in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen haben – und alleine in Deutschland jedes Jahr mehr als 70 Milliarden Euro Kosten im Gesundheitssystem verursachen. In der deutschen und der europäischen Politik wird daher schon seit Jahren darüber diskutiert, wie Verbraucher transparent und verständlich über den Nährwertgehalt von Lebensmitteln informiert werden können.
Willi will die Ampel – der Film zur E-Mail-Aktion.
Zuckerbomben entlarven
Für die allermeisten Produkte sind bisher keine Nährwertangaben vorgeschrieben. Doch erst wenn die Verbraucher wissen, wie viel Zucker, Fett oder Salz drin steckt, können sie sich eine ausgewogene Ernährung zusammenstellen. Und entlarven, wenn vermeintlich gesunde Kinderdrinks oder angebliche "Fitness“-Produkte in Wahrheit nichts anderes als getarnte Zuckerbomben sind – am besten auf einen einzigen Blick.
Genau dazu dient die Ampelkennzeichnung. Dabei werden für jedes Produkt direkt auf der Vorderseite der Verpackung die Gehalte an den wichtigsten Nährwerten (Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz) in absoluten Grammzahlen angegeben. Und zwar einheitlich pro 100 Gramm bzw. 100 Milliliter, damit verschiedene Produkte miteinander verglichen werden können. Zur leichten Orientierung wird jeder dieser vier Werte mit einer der Signalfarben Rot (für einen hohen Gehalt), Gelb (mittel) und Grün (niedrig) hinterlegt. Das ist so einfach wie möglich und so komplex wie nötig.
Gegenmodell der Lebensmittelkonzerne
In Großbritannien haben zahlreiche Handelsketten die Ampelkennzeichnung vor einigen Jahren eingeführt. Die großen Konzerne aus der Lebensmittelindustrie jedoch entwickelten ein Gegenmodell – die Guideline Daily Amounts (GDA) –, um die Ampel zu verhindern. Und diese Kennzeichnung wollen sie nun europaweit durchsetzen.
Die GDA-Angaben bestehen aus schwer verständlichen Zahlen und Prozentwerten. Häufig führen die Angaben in die Irre, weil sie sich nicht auf 100 Gramm beziehen, sondern auf eine willkürliche Portionsgröße. Zum Beispiel auf eine halbe Tiefkühlpizza oder eine Handvoll Kartoffelchips – mit solchen lebensfremd kleinen Mengen werden die Produkte künstlich schöngerechnet.
Wissenschaft spricht für Ampelfarben
Verbraucherorganisationen, Ärzte- und Patientenverbände sowie Krankenkassen halten das GDA-System für irreführend und fordern die Einführung der Ampelkennzeichnung. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid für foodwatch in Deutschland haben sich 69 Prozent der Befragten für die Ampel ausgesprochen. Und auch die Wissenschaft spricht für den Einsatz von rot-gelb-grünen Signalfarben. Das Ergebnis der bislang einzigen umfassenden Studie über Kennzeichnungssysteme in der Praxis, beauftragt von der britischen Food Standards Agency (FSA), lautet: Entscheidend für das Verständnis der Angaben ist die Kombination aus Farben und erklärendem Text (high-medium-low).
Entscheidung in der EU
Nun muss die Politik entscheiden. Voraussichtlich im Mai 2010 wird das Europäische Parlament über eine neue Verordnung abstimmen, die erstmals eine Form der Nährwertkennzeichnung verbindlich vorschreiben wird. Doch nach dem derzeitigen Entwurf soll das ein GDA-like labelling sein. Und damit nicht genug: Andere Kennzeichnungssysteme sollen de-facto verboten werden, sogar auf einzelstaatlicher Ebene. Das heißt im Klartext: Die Regierung eines EU-Mitgliedsstaates könnte die Ampelkennzeichnung nicht einmal zusätzlich zum EU-Standard national einführen, egal, ob sie oder eine große Mehrheit der Bürger in ihrem Land das wollten oder nicht.
Die deutsche Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner lehnt es ab, sich gegen das in Brüssel geplante Ampel-Verbot stark zu machen. Anstelle sich in Europa für die Ampel einsetzen, wie es sich die Mehrheit der Bürger wünscht, spielt sie ein Doppelspiel: Während sie hierzulande neuerdings Offenheit für die Ampel vorgaukelt, glänzt sie im EU-Ministerrat weiterhin durch vorsätzliches Nichtstun. Wir fordern Frau Aigner dazu auf, im EU-Ministerrat endlich klar Nein zum Ampel-Verbot zu sagen.
foodwatch setzt sich dafür ein, dass das nach allen bisherigen Erkenntnissen beste System – nämlich die Ampel – europaweit Pflicht wird. Sollte dies keine Mehrheit finden, darf den EU-Mitgliedsstaaten wenigstens nicht verboten werden, selbst die Ampelkennzeichnung in ihrem Land vorzuschreiben.
Ministerin Aigner will der Industrie helfen, eine verbraucherfeindliche Kennzeichnung in Europa durchzusetzen – gegen die überwältigende Mehrheit der Bürger und den klaren Auftrag der Länder. Lassen Sie sich das nicht gefallen, schreiben Sie an die Ministerin und fordern Sie die Ampel! Jetzt mitmachen »
Weitere Informationen zum Thema |
foodwatch orientiert sich bei seiner Ampel-Forderung am Modell der britischen Lebensmittelbehörde Food Standards Agency (FSA). Diese hat Kriterien festgelegt, nach denen der Gehalt an Nährwerten als gering (grün), mittel (gelb) und hoch (rot) eingestuft wird.
GDA steht für "Guideline daily amount", was soviel bedeutet wie "Richtlinie für den täglichen Bedarf". Zahlenangaben kennzeichnen den Gehalt an Kalorien, Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren und Salz pro Portion. Prozentangaben sollen über den Anteil am täglichen Bedarf informieren.
Die Nährwert-Ampel wird von den Verbrauchern verstanden, die so genannte GDA-Kennzeichnung der Lebensmittelindustrie dagegen führt in die Irre. Das belegt eine Studie des Marktforschungsinstituts GfK im Auftrag von foodwatch.
Die Kombination von Ampelfarben und Text ist entscheidend für die Verständlichkeit von Nährwertinformationen. Zu diesem eindeutigen Ergebnis kommt die bislang umfassendste vergleichende Studie über die Verständlichkeit verschiedener Kennzeichnungssysteme.
Die Europäische Kommission will die Nährwert-Ampel verhindern. Geplant ist sogar, Deutschland die Einführung der Ampel auf nationaler Ebene zu verbieten, wie ein Rechtsgutachten belegt. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner unterlässt es, dagegen vorzugehen.
Die Zustimmung zur Ampel steigt weiter: In einer repräsentativen Emnid-Umfrage fordern 69 Prozent der Befragten die Bundesregierung auf, sich für Nährwertangaben in Rot, Gelb, Grün einzusetzen – im Januar waren es 67 Prozent. Acht von zehn Bürger verlangen zudem eine Abkehr vom geplanten EU-weiten Ampel-Verbot.
Mehr als 70 Milliarden Euro kosten uns ernährungsbedingte Krankheiten jährlich. Eine breite Allianz aus gesetzlichen Krankenkassen, Ärztevertretern und Betroffenenorganisationen fordert deshalb dringend die Nährwert-Kennzeichnung mit den Ampelfarben. In einem gemeinsamen Brief an alle deutschen EU-Abgeordneten bitten sie mit Nachdruck: Stimmen Sie für die Pflicht-Ampel!
foodwatch hat testweise Produkte mit der Ampelkennzeichnung versehen: Kinderlebensmittel, Wellnessprodukte, Saucen sowie vermeintliche "Light"-Produkte – die Ampelkennzeichnung legt schonungslos offen, was wirklich in den Produkten steckt.
Ein breites Bündnis will die Nährwert-Ampel: Verbraucherschützer, Krankenkassen, Ärztevertreter, Patientenorganisationen, Politiker aller Lager und eine klare Mehrheit in der Bevölkerung. Nur die Entscheidungsträger in EU und Bundesregierung tun sich schwer – eine Chronologie.
Tiefkühlprodukte-Hersteller Frosta bringt Bewegung in die Debatte um die Nährwert-Kennzeichnung: Als erstes Unternehmen in Deutschland führt der Mittelständler die Ampel ein. Ab August werden die neuen Verpackungen im Handel sein.
Seit März 2006 finden die Kunden in britischen Supermärkten Produkte mit der Ampelkennzeichnung. Die Erfahrungen zeigen: Die Ampelkennzeichnung wird verstanden - und zwar schnell und richtig. Käufer nutzen sie vor allem, um sich zwischen ähnlichen Produkten zu entscheiden.
Fordern Sie Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner auf, sich für die Ampelkennzeichnung bei Lebensmitteln einzusetzen. Unterstützen Sie jetzt online den Protest von foodwatch!